Sehen im Alter

Die folgenden Hinweise und Informationen sind in Zusammenarbeit mit dem Fachausschuss für die Belange Sehbehinderter beim DBSV entstanden.
Anregungen und Materialien zur Durchführung von Sensibilisierungskursen für Fachpersonal zum Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen können bei Blickpunkt Auge angefordert werden.

Anzeichen für Sehverlust

Tipps zum Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen

Eine geeignete Senioreneinrichtung finden

Welche Zeichen können auf Veränderungen des Sehens bzw. Sehverlust hindeuten?

Einige der folgenden Auffälligkeiten könnten mit einer Demenz in Verbindung stehen. Sie sollten aber unbedingt auch an Veränderungen des Sehens denken, wenn Sie Folgendes beobachten:

Veränderte / eingeschränkte Fortbewegung der Person

  • bewegt sich zögerlich, unsicher, hält sich dicht an der Wand, eckt an, stolpert häufiger
  • meidet Spaziergänge bei Sonnenschein (Blendung) oder in der Dämmerung
  • meidet auch bekannte und gewohnte Wege
  • schreckt zusammen, wenn ihr bekannte Personen auf dem Weg entgegenkommen oder wenn sie direkt angesprochen wird

Orientierungsprobleme, Orientierungslosigkeit

  • Unsicherheiten in bekannter Umgebung, Betreten eines falschen Zimmers, sich in der Etage irren
  • Unsicherheit beim Wechsel von Hell nach Dunkel und umgekehrt
  • in zeitlicher Hinsicht (kann Uhr und Kalender nicht mehr erkennen)
  • greift öfter daneben

Für die Person ungewohntes Aussehen

  • Flecken auf der Kleidung, Kleidung passt nicht zusammen
  • Haare wirken ungekämmt
  • unmittelbarer persönlicher Bereich nicht mehr so sauber wie bisher

Auffällige Augen- oder Kopfbewegungen

  • Texte, Bilder, Gegenstände werden dicht vor das Auge gehalten
  • schiefe Kopfhaltung, Schielen oder Zusammenkneifen eines oder beider Augen beim genauen Hinsehen
  • ständige Kopfbewegungen beim Suchen von Gegenständen
  • fehlender Blickkontakt, am Gegenüber „vorbeischauen“
  • tränende, gerötete, verklebte oder schmerzende Augen, Blinzeln

Veränderungen des Verhaltens / der Persönlichkeit

  • Dinge werden öfter fallengelassen, umgestoßen oder häufiger gesucht
  • plötzliches Desinteresse an gewohnten Tätigkeiten oder Hobbys (z. B. Lesen, Kreuzworträtsel lösen, Fernsehen)
  • fehlende / veränderte Reaktion auf bekannte Personen und Situationen
  • allmähliche Veränderung von einer extrovertierten zu einer introvertierten Verhaltensweise
  • Antriebsschwäche, depressive Verstimmung, Rückzug
  • plötzliches Misstrauen auch vertrauten Personen gegenüber

Zum Umgang mit sehbehinderten und blinden Seniorinnen und Senioren

Wenn Sie bisher nicht mit sehbehinderten und blinden Menschen zu tun hatten, sind Sie vielleicht verunsichert. Verschiedene Augenkrankheiten wirken sich unterschiedlich aus, die „Tagesform“ kommt hinzu, und es gibt tatsächlich einige „Verhaltensbesonderheiten“, die auf den ersten Blick irritierend sein können. Möglicherweise erkennen Betroffene bekannte Personen im Flur nicht mehr, stolpern öfter, stoßen sich, gehen ins falsche Zimmer, finden Dinge nicht wieder oder wirken anderweitig desorientiert. Das lässt vielleicht eher an demenzielle Veränderungen denken als an Sehverlust. Manche Symptome können tatsächlich sehr ähnlich sein.

Die folgenden Tipps sollen Fachkräften in der Pflege helfen, den Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen positiv zu gestalten. Zu den Faktoren Beleuchtung, Blendfreiheit, Kontraste, Markierung, Kennzeichnung und Leserlichkeit schriftlicher Informationen gibt die Checkliste für Begehungen von Einrichtungen (Barrierefreiheit) Auskunft. Zeichen, die auf einen Sehverlust hindeuten, sind ebenfalls in einem separaten Dokument zusammengefasst.

Ganz allgemein

  • Alle bekannten Verhaltensregeln gelten auch hier, insbesondere die Wahrung der Privatsphäre.
  • Ist eine zu pflegende Person sehbehindert oder blind, sollten alle, die mit ihr zu tun haben, darüber informiert sein.
  • Vorhandene Sehhilfen (Brillen) und Hilfsmittel sollten immer funktionsfähig sein und benutzt werden.
  • Klären Sie mit der sehbehinderten Person, wofür welche Art von Unterstützung nötig ist und wie diese erfolgen soll. Informieren Sie Ihr Team darüber.
  • Schließen Sie sehbehinderte und blinde Personen nicht wegen ihrer Behinderung von Aktivitäten aus, klären Sie besser den Hilfebedarf.
  • Trauen Sie sehbehinderten Menschen etwas zu.

Kommunikation

  • Setzen Sie stärker auf verbale statt auf nonverbale Kommunikation. Vergewissern Sie sich, ob Sie gehört und verstanden werden.
  • Lassen Sie sich nicht von fehlender bzw. „ungewöhnlicher“ Mimik irritieren.
  • Wenden Sie sich immer direkt an die zu pflegende Person. Sprechen Sie sie mit ihrem Namen an, und stellen Sie sich bei jedem Kontakt mindestens mit Ihrem Namen vor.
  • Kündigen Sie an, was Sie vorhaben (z. B. Berührungen, pflegerische Maßnahmen), damit sie / er sich darauf einstellen kann.
  • Beschreiben Sie alles, was Sie tun. Teilen Sie auch mit, wenn Sie den Raum wieder verlassen wollen, damit Ihr Gegenüber nicht ins Leere spricht.

Orientierung

  • Machen Sie mehrfach gemeinsam Rundgänge durchs Zimmer / die Etage.
  • Beschreiben Sie so genau wie möglich, was sich wo befindet (z. B. „rechts neben der Tür“ statt „da hinten“).
  • Lassen Sie nichts im Weg stehen.
  • Türen sollten immer ganz offen oder ganz geschlossen sein.
  • Fragen Sie, was zur besseren Orientierung beitragen kann (z. B. das Abtasten der wichtigsten Gegenstände, ein farbiges Platzset unter dem Glas oder farbige Handtücher im Bad, Markierungen für Schalterstellungen etc.).
  • Lassen Sie die betreffende Person selbst entscheiden, wo persönliche Dinge ihren Platz haben und verändern Sie daran nichts, ohne sie / ihn darüber zu informieren.

Sehende Begleitung

  • Ist Begleitung und Unterstützung nötig und gewünscht, bieten Sie einen Arm zum Führen an. Ist dies z. B. Ihr rechter Arm, greift die zu führende Person mit ihrer linken Hand Ihren Arm etwa in Ellenbogenhöhe. So entsteht automatisch der richtige Abstand zwischen Ihnen. Sie gehen voran, die / der Betroffene folgt Ihnen.
  • Nennen Sie das Ziel des Weges und beschreiben Sie den Wegverlauf.
  • Kündigen Sie Richtungsänderungen, Treppen und Absätze an, auch, ob eine Treppe auf- oder abwärtsführt. Bleiben Sie vor einer Treppe kurz stehen.
  • Lassen Sie die sehbehinderte Person nicht mitten im Raum stehen, sondern führen Sie sie zu einem Tisch, Stuhl, Handlauf, wo sie sich festhalten kann.
  • Vergewissern Sie sich, ob die sehbehinderte Person selbst zurückfindet. Holen Sie sie / ihn ggf. wieder ab oder organisieren Sie Unterstützung.

Mahlzeiten und Medikamente

  • Sagen Sie, was Sie bringen und wo Sie es hinstellen bzw. was wo steht.
  • Nutzen Sie für Erklärungen die „Zifferblattmethode“ (z. B.: Die Kartoffeln liegen auf 3 Uhr, das Fleisch auf 9 …)
  • Schenken Sie bitte das Glas oder die Tasse nicht zu voll ein.
  • Schaffen Sie Kontraste (z. B. weißes Geschirr auf dunkelblauem Platzset).
  • Im Speiseraum sind feste Plätze und Speisepläne in Großdruck bzw. als gesprochene Information hilfreich.
  • Sagen Sie, welche Medikamente er / sie für welche Indikation bekommt, wo Sie sie hinstellen und wie sie einzunehmen sind. So können Fehler vermieden werden.

Sehbehindert oder blind im Seniorenheim - darauf sollten Sie achten

Bei der Wahl eines geeigneten Seniorenheims gibt es vieles zu bedenken. Neben allgemeingültigen Anforderungen an ein gutes Haus kommen bei Sehbehinderung und Blindheit einige Aspekte hinzu. Diese Checkliste kann Ihnen eine Orientierungshilfe sein. Entscheiden Sie selbst, was davon im Einzelfall besonders wichtig ist.

Mit sehbehinderten und blinden Menschen leben

  • Gibt es Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung im Haus, und kann man mit ihnen sprechen?
  • Sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen geschult?
  • Wie werden Arztbesuche organisiert und wie wird die Medikamenteneinnahme unterstützt?
  • Erhalten Bewohnerinnen und Bewohner z. B. Hilfe bei der Beschaffung, Handhabung und Pflege von Hilfsmitteln wie Brille, Lupe oder Bildschirmlesegerät?

Information und Kommunikation

Hilfreich sind schriftliche Informationen wie Listen mit Ansprechpersonen und der Veranstaltungs- oder Speiseplan in Großdruck, Blindenschrift oder als Audiodatei. Alternativ kann vorgelesen werden.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten die Bewohnerinnen und Bewohner immer mit deren Namen ansprechen, sich selbst mit ihrem Namen vorstellen, mitteilen, wenn sie einen Raum betreten oder verlassen und erklären, was gerade geschieht.

Aktivitäten

  • Wie wird die Teilnahme sehbehinderter und blinder Bewohnerinnen und Bewohner an gemeinsamen Aktivitäten (bspw. Gymnastik, Gedächtnistraining, Ausflüge) gestaltet?
  • Gibt es bei Bedarf eine sehende Begleitung für Einzel- oder Gruppenaktivitäten außer Haus?
  • Gibt es im Haus ein Bildschirmlesegerät?

Im ganzen Haus

Alle Bereiche des Hauses sollten ausreichend hell, schattenarm, blend- und flimmerfrei ausgeleuchtet sein. Große Helligkeitsunterschiede sollten vermieden werden. Matte Flächen verringern zusätzlich störende Spiegelungen und Blendung.

Auch Kontraste helfen bei der Orientierung, zum Beispiel farblich deutlich vom Hintergrund abgesetzte Handläufe, Lichtschalter, Türklinken, Haken, Ablagen oder ein farbiges Platzset unter dem Glas. Sind Zimmernummern oder Rufknöpfe außerdem gut tastbar, kommen auch hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen besser zurecht.

Bewohnerzimmer

  • Kann zur besseren Orientierung ein Zimmer in der Nähe markanter Punkte wie Eingang, Aufzug oder Speiseraum angeboten werden?
  • Kann das Zimmer bei Bedarf durch Angehörige oder eine Rehabilitationsfachkraft sehbehinderten- bzw. blindengerecht angepasst werden?
  • Können das eigene Telefon und die Telefonnummer mitgebracht werden?

Flure, Treppenhäuser und Außenbereich

Folgende Punkte erleichtern die Orientierung und helfen, Unfälle zu vermeiden:

  • Beleuchtung und Kontraste (siehe oben)
  • gut auffindbare, ausreichend große, leserliche und ggf. auch tastbare Raumbezeichnungen, Etagen- und Zimmernummern
  • freie Wege ohne Stolperfallen
  • markierte Treppenstufen (mindestens die erste und letzte Stufe)
  • Glastüren mit Markierungen
  • Handläufe im Innen- und Außenbereich
  • taktile Markierungen und Bodenelemente / Bodenindikatoren
  • gut ausgeleuchtete, „sprechende“ Aufzüge, gut leserliche und tastbare Beschriftung der Taster

Personenbezeichnungen beziehen sich auf alle Geschlechteridentitäten (siehe auch www.dbsv.org/gendern.html)